Mehr machen als mehr wissen.

„Was unternimmst Du?“ statt „Was weißt Du?“

Warum am Ende des Industriezeitalters wieder Unternehmertum gefragt ist und wie Kinder das für sich entdecken können.

Bitte schauen Sie sich die Überschrift dieses Essays noch einmal an, bevor Sie weiterlesen. Da steckt etwas ganz Entscheidendes drin: Verantwortung! Wenn man etwas unternimmt, übernimmt man Verantwortung. Wenn man etwas weiß – ja wer weiß?!

Und mit dieser Erkenntnis stehen wir am Ende des Industriezeitalters. Das war die Zeit nach der manufakturiellen Produktion. Im Industriezeitalter brauchte es entgegen des Manufaktur-Zeitalters möglichst gleichbleibende Prozesse, um in möglichst gleichbleibenden Strukturen homogene Produkte herstellen zu können. Analog dazu war das Lernen und Leben ausgerichtet. Das begann schon in der Ausbildung: Möglichst vergleichbare Standards wollte man in den Bildungseinrichtungen vom Kindergarten bis zur Universität erzielen – eine Art universelles Wissen anlernen, das in den industriellen Strukturen überall anwendbar ist.

Verantwortung hat da zu weiten Teilen das System übernommen. Und genau das löst sich jetzt gerade auf, weil entscheidende Strukturen der Gesellschaft sich ändern. Das führt uns zu einer interessanten Situation: Menschen sollen etwas unternehmen und Verantwortung für sich und die Gesellschaft übernehmen, gelernt hat das aber keiner. Oder noch besser: als Kinder haben wir einen natürlichen Unternehmergeist in uns drin. Der „wird“ uns aber regelrecht in Schule und Berufsleben „verlernt“.

Dabei sind wir doch gerade im Übergang ins Kommunikations- und Wissenszeitalter. Wir lernen viel. Und das Ergebnis? Alle wissen viel! Und alle wissen, wie es geht. Und alle reden drüber – bloß keiner tut was.

Das fiel eine ganze Zeit nicht weiter auf. Denn die noch bestehenden industriellen Strukturen haben das abgefedert. Es wurden Systeme geschaffen, die sich selbst bedingten und in dieser Zeit, als sie entstanden, auch richtig waren. Man brauchte Menschen, die sich darin zurechtfanden und „wussten“, wie sie darin agieren konnten. Wissen war Macht!

Wissen „war“ Macht!

Jetzt hat sich das geändert. Die Welt fordert auf einmal von uns, dass wir uns immer mehr selbst managen. Das Wissen gibt’s für alle gratis im Internet. Unternehmenszugehörigkeit 25 Jahre? Das war einmal. Zunehmend kommt eine neue Generation in die Situation, eher mehrere Jobs gleichzeitig zu machen oder projektweise engagiert zu sein. Und auch ältere Menschen werden gefordert. Dass da mit der Rente vielleicht noch eine Überraschung kommt, wissen alle. Aber die wenigsten „unternehmen“ etwas, außer vielleicht mit ihrem Bankberater zu sprechen, was am Ende aber selten hilfreich ist. Wir haben in Deutschenland (wie in vielen weiteren Ländern auch) Regionen mit einer Arbeitslosenquote von 20%, 25% und mehr und einer Kinderarmut von größer 50%. Und was tun wir? Wir sammeln Informationen und setzen unser Sozialsystem in Gang – wohl „wissend“, dass es damit nicht mehr lange funktioniert.

Wir als Gesellschaft konsumieren. Wir konsumieren nicht nur Medien sondern auch Wohlstand. Und wenn es uns nicht gutgeht, dann suchen wir nach Gründen und nach einem, der wieder etwas dafür tut, dass es uns gut gehen wird. Wir unternehmen aber nicht selbst etwas – stehen nicht auf, nehmen unsere Idee und setzen sie um. Gleich da vorne, da wo sie gebraucht wird.

Ja richtig! Das trifft nicht alle. Es gibt viele Menschen, die etwas unternehmen. Die haben es aber mit einer immer größeren Anzahl an Menschen zu tun, die nichts unternehmen. Nichts unternehmen „können“. Und zwar ganz einfach, weil sie es im Leben nicht gelernt haben. Sie haben gelernt zu wissen, wie sie sich zurechtfinden, verwalten und sich anpassen.

„Was unternimmst Du?“ und vor allem: „Wann lernst Du etwas zu unternehmen?“

Unternehmertum wird in Deutschland derzeit erst gelehrt (eher „erwähnt“), wenn es mit der Bildungszeit (also der Zeit in der Schule) zu Ende geht. Und wir meinen hier Unternehmertum, nicht „Wirtschaft“, das ist etwas anderes. Wirtschaft ist auch wieder Theorie, also Wissen. Und da sind wir dann wieder. Unternehmertum bekommen wir also erst kurz bevor das sogenannte „richtige“ Leben losgeht vermittelt. Das ist zu spät! Da kann man nicht mehr üben. Da muss das dann gleich sitzen. „Unternehmen“ und „Verantwortung“ muss man lernen. Am besten von klein auf. Im Spiel. Denn etwas zu unternehmen, muss von Innen kommen.

Was ich hier nicht sage ist, dass jeder Mensch später einmal ein Unternehmer im klassischen Sinn werden soll. Das wäre eine Fehldeutung, außerdem liegt das nicht jedem. Aber jeder Mensch sollte in der Lage sein, sich selbst und seine Ideen zu organisieren und umzusetzen. Und damit das später richtig gut klappt, fängt man damit am besten schon im Kindergarten an. Aber zurück: Okay, es braucht also mehr unternehmerische Inhalte in der Bildung. Was aber wird sich damit in der Gesellschaft verändern?

„Was unternimmst Du?“ wenn Du alt bist?

Wenn wir uns den zunehmenden demografischen Wandel anschauen, stecken da viele Möglichkeiten drin. Beginnen wir mal mit „den Alten“, Sie dürfen auch gerne Silver-Surfer, Best-Ager oder GenerationPlus sagen, am Ende geht es um Menschen im Alter 60 und älter – früher hätte man sie Rentner genannt. Ob es diesen Begriff zukünftig noch geben wird, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass „Altern“ eine immer aktivere Zeit ist. Warum sollte man im Alter nicht noch etwas unternehmen? Und damit meinen wir jetzt nicht die vielen neuen und meist kostenpflichtigen Freizeitaktivitäten, die für diese Generation gerade erfunden werden. Nein, unternehmen im Sinne von Verantwortung übernehmen und etwas umsetzen. Man muss ja nicht gleich eine 40-Stunden Woche haben. Andererseits aber muss man sich im Alter auch nicht vollständig auf das Nichtstun beschränken. Es gibt, dank neuer Technologien und einem Umdenken in der Gesellschaft, vermehrt die Möglichkeit, auch im Alter noch „tätig“ zu sein, Geld zu verdienen und mit Jüngeren zu interagieren. Wenn man jetzt unternehmerisches Wissen hat, geht das einfach. Mit der bisherigen Wissensstruktur ist das nahezu unmöglich. Nein, es geht nicht darum, die Rentenzeit abzuschaffen. Es geht nur darum, die Gesellschaft zusammen zu bringen, gemeinsam tätig zu werden – das übrigens ist der Zweck einer Gesellschaft.

Machen wir einen Sprung zurück, in die Zeit vor der industriellen Revolution, in die Zeit der Manufakturen und vielen kleinen Handwerksbetriebe. Da gab es das schon einmal. Menschen haben auch im Alter noch mitgearbeitet, Kontakte gemacht und ihr Wissen weiter gegeben. Nun, damals waren die Umstände – und übrigens auch die Sozialstruktur – noch andere. Aber lassen Sie uns diesen Gedanken mal auf die heutigen Möglichkeiten übertragen. Da steckt viel Potential für die Gesellschaft und Zufriedenheit für den Einzelnen drin.

Aber auch für die mittlere Generation, die sogenannten „Schaffenden“. Wie viel mehr könnten sie schaffen, für sich und die Gesellschaft, wenn sie gute Ideen nicht diskutieren oder schlimmer noch „für sich behalten“, sondern in die Hand nehmen und umsetzen – womöglich noch weitere Menschen anstecken und mitreißen.

Also: auf geht´s!

Wir leben in einem gewaltigen Paradigmenwechsel. „Ich weiß mehr als Du“ ist kein tragfähiges Zukunftsmodell – google weiß ohnehin bald alles. Wir brauchen Innovationen, um mit der sich verändernden Umwelt fertig zu werden. Das meint sowohl Veränderungen in der Gesellschaft als auch in der Umwelt. Die Arbeitswelt wird zunehmend von neuen Kompetenzen gesteuert. Reines Fachwissen wandert zunehmend an die Maschinen. Es braucht hingegen mehr Menschen, die Prozesse steuern und Verantwortung übernehmen können. Sie müssen mit Komplexität und Unsicherheiten souverän umgehen können. Dazu braucht es Wertschätzung, Potenzialentfaltung und Begeisterung oder kurz: Unternehmergeist. Es sind verschiedene Intelligenzen notwendig. Neben der kognitiven Intelligenz betritt das auch die emotionale Intelligenz, die kreative Intelligenz und die Intelligenz des Handelns.

Deutschland ist schon heute das Land der Ideen, aber noch nicht das Land derjenigen, die sie auch umsetzen. Eigenständiges Denken und Handeln wird zu wenig gefördert, die Trennung zwischen Bildung und Wirtschaft ist zu groß. Aber die Wirtschaft kann das unterstützen und davon profitieren. Denn auch sie steht vor gewaltigen Prozessen der Umgestaltung. Hierzu braucht sie Menschen, die von sich heraus denken und handeln können. Die aktiv Prozesse initiieren und steuern möchten. Die, ja, die vielleicht auch ein eigenes Unternehmen gründen werden.

Max Thinius

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